Anti-Esoterik

Unsere Gemeinschaft ist explizit nicht esoterisch, spirituell, gläubig, religiös, keine Sekte, keine Kirche, keine Religion noch irgendetwas in diese Richtung. Das heißt, dass wir solcherlei Kram weder als Gruppe, noch individuell leben.

Warum wir das nicht wollen und warum es für linke / emanzipatorische / anarchistische (usw.) Menschen nicht in Frage kommt, kommen kann und kommen sollte

Im Folgenden werde ich Esoterik stellvertretend für ähnliche, oben genannte Verhaltensmuster / Handlungsmuster und Denkweisen verwenden, um nicht jedes Mal eine große Aufzählung machen zu müssen.

Esoterik hat im Kapitalismus mehrere Funktionen, die dieses abscheuliche Gesellschaftssystem stützen und tragen – das aber kann niemals unser Ziel sein. Esoterik tröstet die Menschen, der natürliche Zorn auf all das Schlechte was sie sehen und ihnen widerfährt wird unterdrückt. Wir hingegen wollen eine Änderung der Verhältnisse.

Esoterik benutzt in Diskussionen und Entscheidungsfindungsprozessen Rhetorik statt Argumente. Mit rhetorischen Kniffen werden Dinge begründet oder hergeleitet, die, da die Argumentation inhaltslos ist, ebenso das Gegenteil sein könnten. In einer Gemeinschaft von gleichberechtigten Individuen kann das nicht funktionieren. Wenn wir vernünftige Entscheidungen treffen wollen, dann hat Rhetorik in einer Debatte keinen Platz. Sich gegenseitig durch Argumente zu überzeugen ist das einzige was zählt. Das können durchaus auch emotionale Argumente sein, aber eben Argumente.

Esoterik bringt Menschen dazu, sich nicht für ihr eigenes Denken und Handeln verantwortlich zu fühlen und dementsprechend keine Verantwortung zu übernehmen. Die Verantwortung wird abgegeben an einen Gott / eine Göttin, das Universum, das Schicksal oder sonst eine höhere Macht. Das ist nicht nur Unsinn, sondern auch brandgefährlich. Ohne mich für meine Taten verantwortlich fühlen zu müssen kann ich so die schlimmsten Dinge tun und es mir hinterher zurecht deuten als: „Das Schicksal hat es so gewollt.“, „Wenn Gott das nicht gewollt hätte, hätte er mir ein Zeichen geschickt“ und ähnliches. Wir wollen jedoch ein selbstbestimmtes Leben und dazu gehört die Verantwortung für das eigene Denken und Handeln.

Dem Kapitalismus nützt die Esoterik aber auch noch auf andere Weise. Das System produziert täglich für 99% der Menschen Ungerechtigkeit, Elend, Leid usw. Statt dies zu erkennen wirft die Esoterik den Menschen auf sich selbst zurück. Nicht die für mich schlimme Situation ist schuld an meinen Leiden, sondern meine Einstellung dazu. Wenn ich leide, dann bin ich selbst schuld daran, weil meine Einstellung dazu falsch ist. Wenn ich nur lernen könnte damit umzugehen oder mich mehr von dieser Welt lösen könnte, ja dann könnte ich glücklich sein. Das heißt auch, dass ich alles mit mir machen lasse, ja lassen muss, denn ein Eingriff würde ja bedeuten, dass ich mich mit der äußeren Welt auseinander setze und nicht mit mir selbst.

In unserem System hat das eigene Leben keinen besonderen Sinn und kaum ein Mensch hat richtige Ziele. Zumindest nichts individuelles und schon gar nichts starkes, treibendes. Das liegt daran, dass die meisten Menschen sich lieber betäuben, statt hinzuschauen, all das Schlimme um sie herum ausblenden können, auch dumm und unkritisch gehalten werden. Da lässt sich kein Sinn finden. Doch mittlerweile arbeiten wir nicht mehr so hart, dass wir nicht doch noch manchmal Zeit hätten nachzudenken und immer mehr Menschen erkennen diesen Mangel an Sinn in ihrem Leben. Statt jedoch weiter zu denken, zu kritisieren, zu ändern suchen sie sich eine esoterische Nische und übernehmen von dort Sinn und Zweck ihres Daseins. Auch das bringt die Leute wieder dazu sich wieder hinzusetzen und nicht aufzumucken.

Ein weiterer Grund, der alle emanzipierten Menschen von jeglicher Form der Esoterik fernhalten sollte: Der Sexismus! Ganz explizit sagen wir: Wir wollen keinen Sexismus in unserer Gemeinschaft, wir wollen diesen ganzen Gender-Rollen-Quatsch nicht mitmachen, wir wollen das abschaffen und von Geschlechtern auch sonst nichts ableiten. Um hier doch mal explizit zu trennen: Die drei großen bekannten Religionen – Judentum, Christentum, Islam: Keine der drei hat auch nur ansatzweise in einer emanzipieten Welt eine Daseinsberechtigung. Der täglich gelebte Sexismus dieser Religionen, der jeden Tag (meist) Frauenleben fordert, der das Leben so vieler betroffener Frauen zerstört und zu einem einzigen großen Leiden macht, das können wir natürlich überhaupt nicht tolerieren. Aber was ist mit der Wischi-Waschi-Esoterik, wo doch zumindest niemand gesteinigt oder genital-verstümmelt wird? Esoterik will die Menschen zu einer „ursprünglichen“ Wahrnehmung der Geschlechter „zurück“ bringen, in verschiedensten esoterischen Strömungen geht es genau darum die Gegensätzlichkeit und Unterschiedlichkeit der Geschlechter hervorzukehren – genau das, was wir nicht wollen! Das geht so weit, dass selbst unbelebte Gegenstände ein Geschlecht oder eine geschlechtliche Energie zugesprochen bekommen. Was das für den Alltag heißt ist dann wohl auch klar: Wenn die Frauen eben per se beschützend, nährend, weich und kommunikativ sind, dann werden sie auch in solche Handlungsmuster (zurück) gedrängt. Aber nicht mit Gewalt, sondern freiwillig, durch „Erkenntnis“. All die Befreiung und die Errungenschaften des Feminismus werden mit Füßen getreten! Aber auch die Männer kommen nicht gut davon: Als Kämpfer und Krieger, das aktive Prinzip, Härte etc kriegen auch sie ihre vorgefertigten Rollen zugesprochen, an die sie sich gefälligst zu halten haben.