Gemeinsame Ökonomie

Wohlstand durch teilen

Gemeinsame Ökonomie bedeutet für uns: Alle bringen all ihr Einkommen und ihr Vermögen in die Gemeinschaft ein, alle erfüllen ihre Konsumbedürfnisse aus der gemeinsamen Kasse und Produktionsmittel sind immer Eigentum der Gemeinschaft, niemals eines oder einer Einzelnen.

Was genau wir mit gemeinsamer Ökonomie meinen

Unsere Gemeinschaft hat das Ziel, dass alle Mitglieder gemeinsam wirtschaften. Das bedeutet, dass alle ihr Einkommen vollständig in eine gemeinsame Kasse geben. Dabei spielt es keine Rolle, woher dieses Einkommen stammt (ob aus Lohnarbeit, Verkauf von Produkten, Staatsleistungen oder von der Oma) und wie hoch es ist. Aus dieser gemeinsamen Kasse werden alle Konsumbedürfnisse der Mitglieder, aber auch der Gemeinschaft als Ganzes erfüllt. Socken und Zahnpasta werden also ebenso davon bezahlt, wie Wandfarbe oder Druckerpapier.

Wir haben bisher zwei Modelle dazu kennengelernt: Das Taschengeld-Prinzip, nachdem jedeR monatlich eine bestimmte Summe aus dieser Kasse erhält und damit dann machen kann, was erSie will (also auch ansparen). Und das „freie“ Modell, nachdem alle sich je nach Bedürfnis und Kassenlage Geld nehmen. Wir sehen an beiden Vor- und Nachteile und haben noch keine Entscheidung getroffen, welches Modell für uns am besten passt. Wichtig ist uns auf jeden Fall, dass es Transparenz in Bezug auf Geld gibt. Jedes Mitglied soll jederzeit in der Lage sein die Kassenlage zu überblicken: Wie viel Geld haben wir aktuell angespart, wie viel liegt in der Alltagskasse? Wofür geben wir Geld aus? Wo kommt unser Geld her?

Diese erste Kasse speist sich aus den laufenden Einkommen (der Gemeinschaft und ihrer Mitglieder) und enthält das Geld für den alltäglichen Konsum. Eine weitere Kasse enthält unser Vermögen. Das heißt, dass alle nach einer gewissen Zeit ihr gesamtes Vermögen in die Gemeinschaft einbringen. Damit sind gemeint: Geld, Gold und Juwelen, Immobilien, PKWs, Aktien, all diese Dinge die einen hohen Geldwert haben, aber nicht persönliche Schätze, wie zum Beispiel ein Musikinstrument oder ein Fahrrad.

Das bedeutet zweierlei:

Erstens haben wir ein gemeinsames geldliches Vermögen, können also Produktionsmittel kaufen, daraus eine Altersvorsorge bezahlen, Immobilien reparieren und so weiter. Der erste Schritt, der mit diesem Vermögen zu tragen sein wird ist der Kauf von Land und Gebäuden. Es geht hier also um große Summen, weshalb es wahrscheinlich auch nötig sein wird, dass Geld aus unserer Einkommenskasse in unsere Vermögenskasse fließt. Auch hier haben wir noch kein ausgefertigtes Modell entwickelt, sondern warten noch auf weitere Stimmen mit guten Ideen. Dieses gemeinsame Vermögen soll uns als Gruppe in die Lage versetzen aus kapitalistischen Knebelverträgen (Miete, Pacht) herauszukommen, und die Produktionsmittel (Fahrzeuge, Land, Maschinen) als Gruppe zu besitzen. Damit verbunden ist auch die von uns angestrebte Selbstversorgung, denn ohne Produktionsmittel wird sie unmöglich bis sinnlos ineffizient.

Zweitens besitzen wir gemeinsam Dinge. Hauptsächlich sind damit auch wieder Produktionsmittel gemeint, Häuser, Land, Maschinen, Fahrzeuge und so weiter. Natürlich kann jedeR auch kleinere Dinge in die Gemeinschaft schenken, wie zum Beispiel Töpfe, Lautsprecher oder Möbel. Aber hier ist dies Ermessenssache der oder des Einzelnen. Wem der gewissenhafte Umgang mit seinen Sachen besonders wichtig ist, wird sich vielleicht lieber dagegen entscheiden, vieles in die Gemeinschaft zu schenken und das ist genauso ok wie die Entscheidung zur „Wohnungsauflösung“, bei der fast alles was mensch hat abgegeben wird. Wichtig ist uns auch hier die Transparenz: Damit ich die Besitzrechte eines Mitglieds am Kicker achten kann, muss dieses seinen Kram entweder im Privatraum aufbewahren, oder auf klare Weise kommunizieren, dass nachgefragt werden muss oder der Kicker nur von Erwachsenen benutzt werden darf oder gar nicht von niemandem oder von allen außer Gästen usw…

Einstieg und Ausstieg

Alle Gegenstände, die ein Mitglied bei einem Ausstieg wieder mitnehmen will, sollten beim Einstieg in einem Ausstiegsvertrag aufgelistet werden. Ausgeschlossen davon sind große, teure Produktionsmittel. Die werden in Form eines Geschenks eingebracht und können auch nicht wieder zurück gefordert werden. In diesem Ausstiegsvertrag sollte außerdem festgehalten werden, wie viel Geld die Gemeinschaft diesem Mitglied beim Ausstieg mitgeben wird. Es gibt keinen Einstieg ohne einen Ausstiegsvertrag.

Der Einstieg eines neuen Mitglieds bedeutet rechtlich zweierlei: Erstens wird der Mensch stimmberechtigt, in unserem Fall heißt dass, dass er oder sie an Konsensentscheidungen beteiligt wird. Zweitens fließt sein oder ihr Vermögen / Schulden und Einkommen in die gemeinsame Kasse. Um diesen Schritt zu erleichtern – vor allem denjenigen mit großem Vermögen – wollen wir uns ein gestaffeltes System überlegen. Für Ideen sind wir offen und dankbar.

Umgang miteinander

Unsere gemeinsame Ökonomie bringt eine kritische und v.a. selbstkritische Auseinandersetzung mit unserem Konsum mit sich, denn es geht nicht mehr nur darum, ob ich mir etwas leisten kann, sondern, ob wir es uns leisten können. Damit verbunden ist die Frage nach dem Konsum der anderen. Sollte ich weniger nehmen, weil auch die anderen im Schnitt weniger nehmen? Möchte ich das? Wie machen die das? Kann ich ruhig mehr nehmen? Kann ich damit zufrieden sein, weiterhin weniger zu nehmen? Traue ich mich mehr als andere zu nehmen? Kann ich damit umgehen Bedürfnisse anderer als „falsch“ oder kompensatorisch „erkannt“ zu haben? Und vor allem: Warum will ich dies oder jenes kaufen? Ist das gut für mich? Brauche ich das? Will ich das wirklich? Es soll bei uns nicht um Askese und Verzicht gehen, sondern wir wollen einen kritischen Blick auf unseren Konsum entwickeln bzw. beibehalten.

Wir alle sind es gewohnt in einer kapitalistischen Gesellschaft mit Individualökonomie zu leben. Eine gemeinsame Ökonomie kennen wir höchstens aus unserer Kleinfamilie, doch schon als Kinder haben die meisten ein Taschengeld bekommen, das die meisten wahrscheinlich als viel zu gering erachtet haben und das nicht alle Wünsche befriedigen konnte. Immerhin war der Griff in den Kühlschrank oder die Benutzung des Sofas wohl jederzeit erlaubt. Dennoch haben wir alle kaum Erfahrung mit einer gemeinsamen Ökonomie und schon gar nicht in einer hierarchiefreien und selbstbestimmten. Vor allem aber haben alle von uns schon mehr oder weniger schlechte Erfahrungen mit Geld und anderen Menschen gemacht. Deswegen ist es wichtig, dass wir beim Thema Geld nicht vergessen achtsam und respektvoll miteinander umzugehen, nur weil es um ein Sachthema geht. Wir müssen Verständnis und Vertrauen füreinander entwickeln. Deswegen ist es auch so wichtig den Einstieg schrittweise zu gestalten. Individuelle Sicherheitsbedürfnisse, Konsumwünsche, Ängste … sind erst mal ok, müssen immer mitgedacht werden, damit wir Regelungen und Entscheidungen treffen können, die für alle tragbar sind.

Transparenz

Transparenz ist uns ein eigener Wert, der für sich stehend ziemlich inhaltslos ist. Im Bereich von Ökonomie und Finanzen geht es uns um folgendes: Nur wer weiß, an welcher Stelle wie viel Geld ausgegeben wird, kann sich sinnvoll Gedanken darum machen, wo Einsparungen am meisten bringen. Nur wer weiß, woher wie viel Geld kommt, kann sich sinnvoll Gedanken darüber machen, wo besonders viel für besonders wenig Aufwand zu holen ist. Transparenz in diesem Bereich soll alle Mitglieder der Gemeinschaft dazu befähigen sich selbst, in Kleingruppen oder Arbeitsbereichen und als Gesamtgruppe sinnvolle Gedanken zu dem Thema zu machen. Wir wollen keine Riege von eingearbeiteten VerwalterInnen haben, die über unsere finanziellen Belange einfach dadurch entscheiden, dass sie die Informationen haben.

Konkret heißt das: Alle Ausgaben der Gemeinschaft und ihrer Untergruppen oder Arbeitsbereiche werden detailliert (schriftlich!) dokumentiert und sind jederzeit für alle (Mitglieder) einsehbar. Bei einer offenen Alltagskasse würde auch hier jede Entnahme dokumentiert (Datum, Name, Kathegorie (z.B. Essen, Kommunikation, Kultur, Kleidung etc)).

Das Thema Transparenz verbindet auch die Arbeit mit der gemeinsamen Ökonomie. Allen solle klar sein, wer wie viel welche Lohnarbeit macht, um für die Gemeinschaft Geld zu generieren. Nicht nur um denjenigen die verdiente Anerkennung zu geben, sondern auch um zu sehen, an welcher Stelle sich das lohnt und welche Arbeit auch gelassen werden könnte. Auch bei der Frage, ob auch ich einer Lohnarbeit nachgehen (oder anderweitig Geld generieren) sollte, bzw. ob ich es uns leisten kann, meine Geldgenerierung zurückzufahren oder einzustellen. Dazu muss ich wissen, wie es um unsere Kassenlage bestellt ist.

Größere Anschaffungen (wir haben hier noch keine Zahl festgelegt) müssen im Konsens der gesamten Gruppe beschlossen werden. Kleinere Anschaffungen können auch im Konsens der jeweiligen Untergruppe / Arbeitsgemeinschaft beschlossen werden. Hier müssen sich alle immer die Fragen stellen: Ist diese Entscheidung für andere relevant? Es könnte ja auch sein, dass noch andere Menschen diese Anschaffung benutzen wollen würden, vielleicht hat das Auswirkungen auf die Qualität des Produktes? Können wir uns das überhaupt leisten? Interessiert das die anderen, sollte ich mehr Menschen über diese Frage informieren?

Umgang mit den Dingen

Eine gemeinsame Ökonomie bringt auch die Verantwortung mit sich, dass ich mit den Dingen, die ich nutzen kann, vernünftig umgehe. Ein schlampiger Umgang mit den Gegenständen, Gebäuden oder Böden hat nicht nur Auswirkungen auf mein Leben und meine finanzielle Situation, sondern auch auf das Leben aller anderen Mitglieder der Gemeinschaft.

Damit es nicht ständig zu Konflikten über den Umgang mit gemeinsamem Besitz kommt, müssen wir uns über einen sinnvollen Umgang einigen (und diese Regeln dann auch einhalten!). Wenn ein Gegenstand neu angeschafft wird sollte gleich definiert werden, wie damit umgegangen werden soll (Gebrauch, Aufbewahrung, Pflege, Reparatur), aber auch wer damit umgehen darf. Die meisten Dinge können als Gruppe betrachtet werden (z.B. Gartengeräte), bei manchen Dingen wird es aber auch spezielle Einigungen geben müssen.

Konkret könnte das heißen:
Wenn wir gemeinsam ein Auto kaufen „gehört“ das zwar allen, aber nur wer einen Führerschein hat und in der konkreten Situation fahren kann (also z.B. nicht betrunken), darf das Auto auch benutzen. Nach dem Fahren auftanken.
Wenn wir gemeinsam eine Kettensäge kaufen ist klar, dass Kinder die nicht benutzen dürfen und dass alle, die sie benutzen wollen, das aber noch nie getan haben, eine Einweisung von jemandem bekommen, der sich schon damit auskennt. Auch muss jederzeit mindestens eine weitere Person wissen wo und wie lange das Sägen stattfindet, damit bei einem Unfall Hilfe kommt.
Alle Fahrräder müssen in den Fahrradschuppen (nicht im Regen stehen lassen). Wer ein Fahrrad benutzt hat danach dafür Sorge zu tragen, dass es für den oder die nächste fahrbereit ist (aufgepumpt, Licht funktioniert, Bremse funktioniert).
Beschichtete oder emaillierte Töpfe und Pfannen werden nicht mit einem Metallschwamm geschrubbt.

Solche Regeln, die mit dem Wissen und der Erfahrung aller gesetzt werden, können uns helfen weniger Konflikte über Dinge zu haben und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Dinge länger funktionieren und weniger Unfälle passieren. Natürlich gilt auch hier das Prinzip der Transparenz: Nur eine bekannte Regel kann auch eingehalten werden.

Warum wir eine gemeinsame Ökonomie wollen

Unabhängig davon, ob ich (ständig) einen finanziellen Beitrag leiste oder leisten kann, kann ich jederzeit sicher sein, dass ich innerhalb der Gemeinschaft meine Bedürfnisse grundsätzlich im gleichen Maße befriedigen kann, wie alle anderen. Ich habe zu essen, ich habe ein Dach über dem Kopf, ich kann Sport treiben, ein soziales und kulturelles Leben haben und so weiter. Die gemeinsame Ökonomie gibt uns also eine gewisse finanzielle Sicherheit, die ich in diesem Ausmaß als EinzelneR nicht haben kann. Natürlich befreit mich das nicht von einer gewissen Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber, aber es entlastet mich.

Die gemeinsame Ökonomie bedeutet daher auch, dass ich nicht gezwungen bin meine Lebenszeit, meine Energie, meine Kreativität oder mein Gewissen auf dem sogenannten „freien Markt“ anzubieten und zu verkaufen, um meine Grundbedürfnisse, meine Existenz oder sogar ein lebenswertes Leben zu sichern. Auf der individuellen Ebene bedeutet das ganz einfach mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung und mehr Glück. Auf der gesellschaftlichen oder politischen Ebene bedeutet es, dass wir uns gegenseitig aus der Ausbeutungs- und Verwertungsmaschine des Systems nehmen und damit (theoretisch) die Verhandlungsposition der Armen / Ausgebeuteten / Unterdrückten (also der 99%) stärken.
Meine Ausbildung, mein Geschlecht, meine familiäre Herkunft, mein Alter, meine Neigungen und Talente und so weiter entscheiden nicht mehr länger darüber, wie viel Recht auf Konsum (also Bedürfnisbefriedigung) mir von der Gesellschaft zugestanden werden. Als gleichberechtiger Teil der Gemeinschaft steht es mir – unabhängig von meiner Vermarktbarkeit – zu meine Bedürfnisse zu befriedigen.
Auch aus der ökologischen Perspektive ist die gemeinsame Ökonomie sinnvoll: Es müssen innerhalb unserer Gruppe deutlich weniger Dinge gekauft (also produziert und später weggeworfen) werden, da wir viele Alltagsgegenstände teilen. Doch nicht nur das: Wir sind als Gruppe, die sich beispielsweise nur einen Kühlschrank kauft viel eher in der Lage einen besonders umweltfreundlichen zu kaufen oder mit unserem geteilten Wissen und unserer gemeinsamen Zeit ein Gerät selbst zu entwickeln und zu bauen, dass die gleiche Funktion erfüllt. Hinzu kommt noch der ökologische Aspekt der Selbstversorgung: Der lokale Anbau von Lebensmitteln ist für eine ansatzweise Selbstversorgung allein oder in einer Kleinfamilie (mit Anspruch an einen westlichen Lebensstandart) kaum oder gar nicht möglich. Als Teil einer größeren Gruppe jedoch kann die Arbeit nicht nur gemeinsam gestemmt und in Spitzenzeiten oder bei Ausfällen auf alle verteilt und auch noch von denjenigen erledigt werden, die darauf Lust haben.

Arbeitsbereiche, die sich in einer individuellen Ökonomie nicht lohnen würden, werden durch die gemeinsame Ökonomie machbar und eventuell sinnvoll. Das gilt für die Selbstversorgung mit Lebensmitteln, aber auch für „alte“ Handwerke, die Reparatur kaputter Dinge oder die Erfindung neuer Technologien und sicher noch einiges mehr. Ein weiteres Beispiel: Will ein einzelner Mensch, bzw. ein Mensch mit individueller Ökonomie selbst Schuhe herstellen, lässt sich das kaum bewerkstelligen und ist weder finanziell noch zeitlich sinnvoll, denn er oder sie muss ja weiterhin einer Lohnarbeit nachgehen, um sich überhaupt reproduzieren zu können. In einer größeren Gruppe mit gemeinsamer Ökonomie hingegen, in der im Konsens beschlossen wurde, dass Schuhe herstellen eine anerkannte Tätigkeit ist, kann dies nicht nur eine herausfordernde und befriedigende Tätigkeit sein, sie kann uns auch Geld sparen und uns ein Produkt geben, dass besser ist, als jegliches auf dem „freien“ Markt verfügbare.

Nach innen bedeutet eine gemeinsame Ökonomie weniger Hierarchie und Herrschaft, denn unterschiedliche finanzielle Ausstattung macht einige erpressbar, machtloser, sorgenvoller… Auch wollen wir die unterschiedliche Bewertung unterschiedlicher Arbeiten, wie sie im Kapitalismus völlig normal ist, beenden. Geldgenerierung ist wichtig für die Gemeinschaft, aber genauso unverzichtbar sind Orgaarbeit, Hausarbeit, Sorgearbeit, Beziehungsarbeit, Bauarbeit…

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Ein Gedanke zu “Gemeinsame Ökonomie

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